Monday, 23 April 2018 06:00

NEW YORK VAMP CITY 1

     1. Gotham City – Daß New York und die sogenannte Gothic Subculture in 11er Beziehung zueinander stehen, mag auf den ersten Blick aus vielerlei Gründen unberechtigt erscheinen. Aufgekommen ist diese tief in der Punk-Bewegung verwurzelte und damals gar als Postpunk bezeichnete Subkultur zunächst ja tatsächlich in 11land gegen Ende der siebziger Anfang der achtziger Jahre. In den Staaten ist ihr Einfluss zu damaliger Zeit, so scheint es, stärker in Kalifornien als an der Ostküste erkennbar gewesen. Ihre größte Verbreitung findet sie ein Jahrzehnt später vor allem in Deutschland und den nordischen Ländern des europäischen Kontinents, wo sie eine Kontroverse um ihre angeblich rechtsextreme Ideologie auslöst. Zur Postmoderne, die in den achtziger Jahren immerhin die hegemoniale Bewegung der amerikanischen Universitäten hervorruft, hat die Gothic Subculture, mit Blick vor allem auf junge Mode und Rock Musik, scheinbar gar kein Verhältnis ausgebildet (es sei denn, es gelänge, zwischen postmodern neubewertetem Begriff des Sublimen und der Erfahrung von Angst und Horror eine Verbindung herzustellen). Im Bereich der humanistischen Kultur ist viel über Neobarock und ebenso viel über Neomanierismus gesprochen worden, doch fast überhaupt nicht über eine neogotische Tendenz, die im Bezug auf die Vergangenheit originale Elemente enthielte.

     Im Verhältnis dazu ist die Beziehung zwischen New York und der Neogotik glaubwürdiger. New York wurde bekanntlich schon seit dem achtzehnten Jahrhundert mit dem Namen Gotham City unter Berufung auf eine Legende belegt, die seit dem Mittelalter den Bewohnern einer 11lischen Siedlung mit diesem Namen ein bizarres und extravagantes Verhalten, allerdings nicht ohne jede praktische Schläue zuschrieb, etwa der, sich mit Dummtun vor Steuerzahlungen zu drücken. Gegen Anfang des neunzehnten Jahrhunderts gibt offenbar der amerikanische Schriftsteller Washington Irving New York diesen Spitznamen zu einer Zeit, in der die Stadt ökonomisch und kommerziell ungemein an Bedeutung gewinnt, der allerdings umgekehrt ein intellektuelles Leben auf niedrigem Niveau entspricht. Übrigens gehört es zu den Gemeinplätzen des neunzehnten Jahrhunderts, New York als exzentrisch und chaotisch dem geordneten und rationalen Philadelphia gegenüberzustellen.

     Beim Übergang von den Legenden zur Architektur stellt sich die Beziehung zwischen New York und der Neogotik nicht weniger eigentümlich dar. Abgesehen von der antizipatorischen Errichtung der Trinity Church (1846) und der Brooklyn Bridge-Pfeiler scheint die Blütezeit der neogotischen Architektur in New York eher ein verspätetes Epigonalphänomen im Verhältnis zum Gothic Revival in Europa zu sein, wo es schon in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts auftritt. Der größte Teil der neogotischen Bauwerke in New York, darunter die Trinity and U.S. Reality Buildings (19o4-7), der Liberty Tower (19o9-1o), das berühmte Woolworth Building (1913-3o), das New York Life Insurance Company Building (1926-28), wurde tatsächlich zwischen 19o5 und 193o, also mit beachtlicher Verspätung im Vergleich zu dem, was in Europa vor sich gegangen war, und im Zuge einer vollkommen anderen als der europäischen ästhetischen Intention errichtet. In Europa haben zwei entgeg11esetzte Interpretationen der Neogotik zu gleicher Zeit einander gegenübergestanden: auf der einen Seite die moralistische, die in dieser Tendenz den architektonischen Ausdruck des Guten, der Wahrheit und der religiösen Transzendenz (von Augustus W. Pugin und John Ruskin formuliert) sieht, und auf der anderen Seite die „verfluchte”, die in der literarischen Romantik wurzelt (bereits im achtzehnten Jahrhundert in dem von Edmund Burke theoretisch aufgearbeiteten Gefühl des delightful horror festgemacht, dessen herausragendster Beitrag zur amerikanischen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts von Edgar Allan Poe erbracht wird). Nun scheint weder die eine noch die andere dieser beiden Interpretationen auf die neogotische Architektur in New York zuzutreffen, weil sich in ihr eine kommerzielle, vom Willen zu einer weder institutionellen noch alternativen Macht beseelte Kultur manifestiert. Im neunzehnten Jahrhundert hat zwar schon der Maler Erastus Salisbury Field in seinem kolossalischen Werk The Historical Monument of the American Republic (1876-1888) eine phantastische Stadt mit riesigen, über und über mit Statuen und Skulpturen dekorierten, am Turmbau zu Babel inspirierten Gebäuden dargestellt. Doch fällt diese gigantische Arbeit – wie von Sarah Maclaren beobachtet – eher unter die ästhetische Kategorie der Glorifizierung denn unter die der Neogotik. Die institutionelle amerikanische Architektur ankert bis in die dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts hinein fest im neoklassischen Modell: öffentliche Gebäude bevorzugen die Horizontalität anstelle der Vertikalität, die hingegen als das Mittel par excellence zum Ausdruck der industriellen Finanzmacht gilt. William R. Taylor zitiert diesbezüglich den Regional Plan von 1931, der für das öffentlichen Diensteinrichtungen dedizierte Bauwesen die Horizontalanlage vorschreibt. Doch äußerten schon in den dreißiger Jahren Lewis Mumford und andere reformistische Urbanisten ein ziemlich negatives Urteil über Manhattan als ein „Zementchaos”, „Zufallschaos”, als eine Brutstätte für Dreck und obsessiven Werbewettbewerb; ein Urteil, das später von einem klassischen Werk der amerikanischen Urbanistik The Death and Life of Great American Cities (1961) von Jane Jacobs aufgegriffen und fortentwickelt wurde.

     Nach 193o flüchtet die Anziehungskraft der Neogotik daher, als ein nicht eben unwesentlicher Aspekt übrigens, ins Pulp-Kino und in den Pulp-Journalismus. Sehr viele dem Vergnügen am Horror zuzuordnende Filme - vom weltberühmten King Kong (1933) bis heute - spielen in New York. Die Neogotik wandert auf ihrem Weg durch die Pulp-Bewegung, durch Film und Zeichentrick von der architektonischen Kultur des frühen zwanzigsten Jahrhunderts zur Herstellung von Massenkultur, für die sich mit ihren häufig genug extrem weit verbreiteten Erzeugnissen die Bezeichnung subculture aufgrund der hier implizierten Vorstellung von gesellschaftlicher Marginalität als nicht mehr adäquat erweist. Ich würde hierfür vorzugsweise den Terminus Parakultur prägen wollen, in dem in der griechischen Präposition para angesiedelten Doppelsinn von „neben, nahe zu”, aber auch „von ... her”, der also sowohl Koexistenz als auch Herleitung und Herkunft impliziert.

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